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066 Taoteking (Berthold Brecht)

 BILD: Wasser in Bewegung zermahlt den härtesten Stein • BRD  • Bayern  • Allgäuer Alpen  • Oberstdorf  • Breitenbach Klamm
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079: Taoteking
von
Berthold Brecht


Als er siebzig war und gebrechlich
Drängte es den Lehrer doch nach Ruh
Denn die Güte war im Lande wieder einmal schwächlich
Und die Bosheit nahm an Kräften wieder einmal zu.
Und er gürtete den Schuh.

Und er packte ein, was er so brauchte:
Wenig. Doch es wurde dies und das.
So die Pfeife, die er immer abends rauchte
Und das Büchlein, das er immer las.
Weißbrot nach dem Augenmaß.

Freute sich des Tals noch einmal und vergaß es
Als er ins Gebirg den Weg einschlug.

Und sein Ochse freute sich des frischen Grases
Kauend, während er den Alten trug.
Denn dem ging es schnell genug.

Doch am vierten Tag im Felsgesteine
Hat ein Zöllner ihm den Weg verwehrt:
"Kostbarkeiten zu verzollen?" "Keine."
Und der Knabe, der den Ochsen führte, sprach:
"Er hat gelehrt."
Und so war auch das erklärt.

Doch der Mann in einer heitren Regung
Fragte noch: "Hat er was rausgekriegt?"
Sprach der Knabe: "Dass das weiche Wasser in Bewegung
Mit der Zeit den mächtigen Stein besiegt.

Du verstehst, das Harte unterliegt."

Dass er nicht das letzte Tageslicht verlöre
Trieb der Knabe nun des Ochsen an
Und die drei verschwanden schon um eine schwarze Föhre
Da kam plötzlich Fahrt in unsern Mann
Und er schrie: "He, du! Halt an!

Was ist das mit diesem Wasser, Alter?"
Hielt der Alte: "Interessiert es dich?"
Sprach der Mann: "Ich bin nur Zollverwalter,
Doch wer wen besiegt, das interessiert auch mich.
Wenn du's weißt, dann sprich!"

"Schreib mir's auf! Diktier es diesem Kinde!"

"So was nimmt man doch nicht mit sich fort.
Da gibt's doch Papier bei uns und Tinte
Und ein Nachtmahl gibt es auch: ich wohne dort.
Nun, ist das ein Wort?"

über seine Schulter sah der Alte
Auf den Mann: Flickjoppe. Keine Schuh.
Und die Stirne eine einzige Falte.
Ach, kein Sieger trat da auf ihn zu.
Und er murmelte: "Auch du?"

Eine höfliche Bitte abzuschlagen
War der Alte, wie es schien, zu alt.
Denn er sagte laut: "Die etwas fragen
Die verdienen Antwort." Sprach der Knabe:

"Es wird auch schon kalt."
"Gut ein kleiner Aufenthalt."

Und von seinem Ochsen stieg der Weise
Sieben Tage schrieben sie zu zweit.
Und der Zöllner brachte Essen (und er fluchte nur noch leise
Mit den Schmugglern in der ganzen Zeit).
Und dann war's soweit.

Und dem Zöllner händigte der Knabe
Eines Morgens einundachtzig Sprüche ein.
Und mit Dank für eine Reisegabe
Bogen sie um jene Föhre ins Gestein.
Sagt jetzt: kann man höflicher sein?

Aber rühmen wir nicht nur den Weisen,

Dessen Name auf dem Buche prangt!
Denn man muss dem Weisen seine Weisheit erst entreißen.

Darum sei der Zöllner auch bedankt:
Er hat sie ihm abverlangt.

copyright BILD © 2006 Gisela Kurlvink & Jürgen Kurlvink
23.2.06 12:00
 


bisher 2 Kommentar(e)     TrackBack-URL


rielei / Website (23.2.06 20:51)
Und der Zöllner hat sich wohl so einiges an eigenem Denken erspart , nicht aber an Essensgaben .
Der Preis dafür ;-)

Herzlichen Dank Jürgen!
Lieben Gruß
Gabi


Jürgen / Website (24.2.06 01:34)
Hi, liebe Gabi,

danke für deinen Kommentar.

"An eigenem Denken erspart ?" ...
Ahh - das weiß und glaube ich nicht ... um einmal mehr Desiderata zu zitieren:

"Wenn du dich mit den anderen vergleichst,
könntest du bitter werden und
dir nichtig vorkommen,
denn es wird immer Menschen geben,
die größer oder geringer sind als du."

Der Zöllner weiß immerhin, das er nichts weiß ... hat dafür aber eine hohe Intelligenz (wofür für mich seine Neugier - oder Wißbegier - zählt und das er erkannt hat, das ein Anderer größer dachte als er es konnte) ... nicht zuletzt deshalb, sehe ich Brechts Gedicht gerade auch als Dankgedicht an den Zöllner, der uns Menschen die Weisheiten des Weisen gebracht hat.

Für mich gilt auch hier, was ich zu mir selber auch sage:

Für mich ist ein "Dummer Mensch" nicht der,
der nichts weiß,
aber wißbegierig und neugierig ist,
um seine Wissen zu steigern,
sondern der Wissende,
der mit seinem Wissen zwar prahlt,
aber es selber nicht nutzt.

... und ich denke eben gerade im Gegensatz
zu deiner Aussage (verzeih mir bitte),
das der Zöllner sogar kräftig
selber GEDACHT haben muß,
denn wie sonst hätte er eine
- für ihn neue - Weisheit,
als eine Große erkannt haben sollen,
die unbedingt der Nachwelt erhalten bleiben muß.

Wie sagt Brecht zurecht am Schluß zurecht:

Darum sei der Zöllner auch bedankt:
Er hat sie ihm abverlangt.


denn nur ihm allein haben wir es zu danken, das die Weisheit "in der Welt ist".

Ich hoffe, liebe Gabi, du nimmst mir meine gegenteilige Ansicht nicht übel ...
denn dafür, das du meiner Seite ist nicht nur besuchst, sondern auch noch einen Kommentar hinterläßt, bin ich dir sehr, sehr dankbar, denn ich weiß wie kostbar deine Zeit ist.

In diesem Sinne bitte ich dich ganz herzlich:
Bleib mir gewogen und sei ganz lieb gegrüßt von

Jürgen

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